
Wandern in einer Gruppe, ohne zu quatschen? Schweigen? Und das ich, Susanne? Was für eine Zumutung! Dass man mich nicht missverstehe – ich kann sehr wohl tagelang allein bei Mehrtagestouren wandern, und auf dem Weg selbst fehlt mir auch die Gesellschaft der anderen nicht – aber als Gruppenveranstaltung? Das hört sich schon ziemlich strange an.

Aber ich kenne Daniela, die mich gefragt hat, seit vielen Jahren vom Aikido und so habe ich mich also heute Morgen nach Blankwater bei Roermond auf den Weg gemacht. Ich bin mal wieder 5 Minuten zu spät (ich habe echt Probleme mit dieser Grundform der Höflichkeit, echt doof, aber es kommt immer was dazwischen …) aber dann geht’s los.

Wir sind zu siebt und Daniela führt ins Thema ein. Sie beschreibt die heutige Reizüberflutung, die uns Menschen schon physiologischerseits per se überfordert und schlägt den Versuch vor, durch Veränderung der Aufmerksamkeit, durch bewusste Atmung und Verringerung der Außenreize sich selbst wieder auf das Wesentliche zurückzuführen. Wir fangen schon mal mit der Atmung an. Ich kenne die Übungen vom Aikido, aber im Dojo sitzt keine Bachstelze auf dem Weg, deren Beobachtung meine Aufmerksamkeit mehr fesselt als die Atmung ….
Wir gehen schweigend durch die wirklich schöne Landschaft des Maas-Schwalm-Nette Naturparks: sandiger Untergrund, Kiefernwälder, Reste von Mooren, Sümpfe, dann wieder Weideland. Abwechslungsreich – mit jetzt im Frühling vielen Vögeln, deren Gesang ich nur leider nicht richtig unterscheiden kann. Den Ruf des Kuckucks höre ich heraus, den Gesang der Amsel und der Meisen … das war’s dann aber schon. Ich spüre den Boden – häufig den leicht federnden Torfboden oder den weichen Sand unter meinen Wanderschuhen, und ja… ich beachte diese Kleinigkeiten stärker, als sonst auf meinen Touren.

Auch hier fallen mir – das sehe ich allerdings auch normalerweise – die blühenden Blumen auf: Kornblumen auf den noch nicht gemähten Feldern, einzelner Mohn am Wegrand, Wiesenschaumkraut, Ginster, blühende Bäume …. Dann kommt immer wieder zwischendurch auf dem Weg ein Zeichen von Daniela, für einige Atemzüge innezuhalten und stehenzubleiben. Warum gerade dann und dort? Ich meine, dass das die Momente sind, an denen ein neues Geräusch auftaucht – mal ein Kuckucksruf, mal das Bellen einer Gruppe von Hunden, ein Flugzeug, das Plätschern eines Baches …. Daniela klärt mich nachher auf, dass sie das anders gemeint hatte: aber das macht den Reiz dieser Wanderung wahrscheinlich aus, dass die Eindrücke komplett individuell sein können …
Etwa auf der Hälfte des Weges unterbricht Daniela das Schweigen und trägt ein Gedicht von John O’Donohue vor:
“This is the time to be slow,
Lie low to the wall
Until the bitter weather passes.
Try, as best you can, not to let
The wire brush of doubt Scrape from your heart
All sense of yourself
And your hesitant light.
If you remain generous,
Time will come good;
And you will find your feet again
On fresh pastures of promise,
Where the air will be kind,
And blushed with beginning.“
Die Stimmung des Gedichts gefällt mir (wir hören es auf Niederländisch und einer spontanen deutschen Übersetzung). Was heißt „promise“? Verheißung? Ich stoße mich an dem religiös konnotierten Wort im Kontext der Achtsamkeitsmeditation…. Aber zu Hause habe ich Deepl befragt, der mir eine wirklich schöne stimmige Übersetzung geliefert hat:
„Dies ist die Zeit, langsam zu sein,
sich an die Wand zu lehnen,
bis das raue Wetter vorüber ist.
Versuche so gut du kannst, nicht zuzulassen, dass
die Drahtbürste des Zweifels dir aus deinem Herzen
jedes Gefühl für dich selbst
und dein zögerliches Licht wegkratzt.
Wenn du großzügig bleibst,
wird die Zeit kommen;
und du wirst wieder festen Boden unter den Füßen finden
wo die Luft mild ist
und von Neuanfang errötet.“
Mit dieser Übersetzung komme ich gut klar – das Gedicht beschreibt sehr feinfühlig meine Gefühle, wenn ich alleine mit meinen Gedanken und schwerem oder auch leichtem Herzen durch die Wiesen und Wälder wandere, die (nie überbordenden) Reize in mich aufnehme und Zeit genug finde, meine wirren und chaotischen Gedanken zu ordnen – eben wie bei einer „Stiltewandeling“ …




Nach knapp zwei Stunden klingt unsere Wanderung mit Kaffee und Kuchen (auch die Pfannkuchen sind nicht zu verachten!) in der „Plantage Blankwater“ langsam aus. Das ist der Vorteil einer „Stiltewandeling“ – danach kann man hervorragend essen und dabei quatschen!
Autorin: Susanne Levasseur; Boukoul, 18.05.2025, http://susannes-reisen.de
Bilder: Susanne Levasseur, EifelKönig, Daniela Gaschler
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